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Magazin
2017, Band 5, Heft 1/2, 5-6


Editorial



Liebe Leser_innen,

der Themenschwerpunkt „Planung als politische Praxis“ widmet sich den Konflikten, Widersprüchen, Widerständen und (Alltags-)Praktiken der räum­lichen Planung. Zu häufig wird Planung noch immer als technische, rationale Form der ‚öffentlichen Problemlösung‘ verstanden und zu selten als konfliktreicher gesellschaftlicher Aushandlungsprozess mit Verlierer_innen und Gewinner_innen. Die im Heftschwerpunkt versammelten Aufsätze, De­batten- und Magazinbeiträge nähern sich der Planung als politischer Praxis aus unterschiedlichen disziplinären und methodischen Blickwinkeln sowie an­hand verschiedener empirischer Fallbeispiele. Der Themenschwerpunkt wird durch Aufsätze von Ilse Helbrecht und Francesca Weber-Newth, Michael Miessner und Matthias Bernt eröffnet. In der Debatte greifen wir die Frage nach der politischen Dimension der Planung anhand des Textes „Wer plant die Planung?“ von Lucius Burckhardt von 1974 auf. Wir freuen uns über die Kommentare zu Burckhardts Text, die Wolf Reuter, Monika Grubbauer, Michael Guggenheim, Jens Dangschat, Beate Binder, Stadt von unten und Iris Dzudzek aus ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven auf Stadtforschung und -planung verfasst haben. Im Magazinteil schreiben Axel Schubert; Sören Groth, Jakob Hebsaker und Lucas Pohl; Renée Tribble, Patricia Wedler und Volker Katthagen; Christian von Wissel; Reto Bürgin und Rogerio de Jesus Pereira Lopes. Yuca Meubrink rundet den Schwerpunkt mit einer Buchrezension ab. In der thematischen Einleitung des Schwerpunkts führen wir in die Beiträge ein und bringen die verschiedenen Perspektiven etwas ausführlicher miteinander in Zusammenhang.

Das Titelbild des Hefts haben wir speziell für diesen thematischen Schwer­punkt ausgewählt. Aufgenommen im Barcelona der frühen 1980er Jahre zeigt es zwei Schachspieler auf einem besetzten Gelände der Fabrik Espanya Indus­trial. Noch in den letzten Jahren der Diktatur hatten Anwohner_innen bewirkt, dass dieser und viele andere Räume in der Stadt rekommunalisiert wur­den, um Einrichtungen des Gemeinbedarfes zu schaffen und öffentliche Flächen anzulegen. Später ist die Stadt für öffentlichen Räume wie das in­zwisch­en dort existierenden Gemeindezentrum und den angrenzenden Parc de la Espanya Industrial gefeiert worden. Doch zunächst hielt sich die neu­gewählte Stadtregierung mit dem Handeln zurück und das Gelände blieb ab­gesperrt. Die Anwohner_innen besetzten es und bildeten das soziale Zen­trum, in dem weniger Tage später das Schachspiel stattfand. Erst durch diesen poli­­tischen Akt sah sich die sozialdemokratische Stadtregierung gezwungen, die nachgefragten Einrichtungen zu schaffen. Auch Pläne der Anwohner_in­nen, das Erbe der Arbeitergeschichte als Industriedenkmale im Park zu er­halten, wurden übergangen. Die neue Planungspolitik kreierte einen lang­an­hal­ten­den ‚Konsens‘ ohne die Partizipation jener Kräfte, die sie zur Regie­rung erhoben hatten. In der Zeit des Umbruchs am Ende der Diktatur hätte das Pla­nungs­ver­ständ­nis eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe werden können. Es wandelte sich dagegen alsbald zur Entwicklung neuer Visionen am Reißbrett.

Der Themenschwerpunkt wird von Jan Lange und Jonas Müller ge­mein­­sam mit Nina Gribat, Justin Kadi und Yuca Meubrink aus der Redak­­tion her­aus­ge­geben. Für die gute Zusammenarbeit mit den beiden exter­nen Herausgebern – von der Konzeption des Call for Papers bis zur Produk­tions­phase des Heftes – möchten wir uns herzlich bedanken.

Der thematisch offene Teil des Hefts fördert weitere Beiträge aus der Welt der kritischen Stadtforschung zutage. Im Zentrum steht dabei in diesem Heft eine Debatte zu Loïc Wacquants neuestem Text „Mit Bourdieu in die Stadt: Relevanz, Prinzipien, Anwendungen“. Wacquant fragt darin nach dem Beitrag von Bourdieus früher Forschung zu einer kritischen sozio­logischen Stadtforschung. Eine englische Version des Textes ist gerade im Inter­national Journal of Urban and Regional Research erschienen. Wir freuen uns außerordentlich, eine leicht überarbeitete Form des Textes, hier von Stephan Elkins ins Deutsche übersetzt, zur Debatte stellen zu können. Katha­rina Manderscheid, Christoph Haferburg, Lars Meier und Boike Reh­bein kommentieren Wacquants Argumentation aus unterschiedlichen diszi­pli­nären Perspektiven. Eine Replik von Wacquant wird im nächsten Heft erscheinen und bereits vorab online zugänglich sein. Weitere Beiträge im offenen Teil des Heftes sind ein Aufsatz von Sybille Bauriedl und Anke Strüver zu Smart Cities sowie drei Rezensionen von Sabine Dörry, Antonie Schmiz und Stefania Animento.

Das nächste Heft, das für Herbst 2017 terminiert ist, wird sich dem Thema „Stadt der Reproduktion“ widmen. Wir freuen uns über Beiträge zu diesem Schwerpunkt und auch immer zu weiteren Themen der kritischen Stadt­forschung für den offenen Teil eines jeden Heftes.


Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Eure sub\urban-Redaktion


Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Antonio Carbone, Mélina Germes, Nina Gribat, Johanna Hoerning, Stefan Höhne, Jan Hutta, Justin Kadi, Yuca Meubrink, Boris Michel, Carsten Praum, Nikolai Roskamm, Nina Schuster und Lisa Vollmer





ISSN: 2197-2567

s u b \ u r b a n. zeitschrift für kritische stadtforschung