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Rezension
2017, Band 5, Heft 1/2, 315-320

„Unternehmen Sie etwas!“

Rezension zu Barış Ülker (2016): Enterprising Migrants in Berlin. Bielefeld: transcript.

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In seinem Buch Enterprising Migrants in Berlin, das auf seiner an der Central Euro­pean University eingereichten Dissertation beruht, geht Barış Ülker der Frage nach, warum und unter welchen politischen Rahmenbedingungen ethnisches Unternehmertum in Berlin gefördert wird. Die explorative ethno­graphische Studie, die in einem Zeitraum von vier Jahren durchgeführt wurde, zeichnet sich durch eine große Methodenvielfalt aus. Neben qualitativen Inter­views mit migrantischen Unternehmer_innen werden Expert_innen aus Politik, Wirtschaft, Wirtschaftsförderung, Verbänden und Vereinen sowie deutsche Unternehmer_innen befragt, die zunächst systematisch aus­ge­wählt und in einem weiteren Schritt per Schneeballsystem gewonnen werden. Besonders hervorzuheben ist die Vorgehensweise in der Wahl von Inter­view­partner_innen und Gesprächsführung, bei der Ülker stets von der Exper­tise beziehungsweise der Selbstzuschreibung der Gesprächspartner_innen zur Kategorie ‚migrantische Unternehmer‘ und nicht vom Gegenstand der migran­tischen Ökonomie ausgeht. Die Reflexion dieser Vorgehensweise ver­deut­licht den kritischen Umgang des Autors mit der Konstruktion migran­tischer Ökonomie durch die Forschung, die noch allzu oft in die aufgezeigte metho­do­logische Falle tappt. Seine ethnographische Erhebung komplettiert Ülker durch eine Reihe teilnehmender Beobachtungen und unterlegt sie mit statis­tischen Daten, bildlichem Material, einer Medienanalyse sowie einer Doku­men­ten­analyse.

Den Rahmen des Buches liefert ein programmatisch gestützter Toleranz­dis­kurs. Dieser wird anhand von Programmen und Förderlinien gegen Ras­sis­mus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit veranschaulicht, die sowohl auf der Berliner Landes- als auch auf Bundesebene das Fundament für die diskursive Ein­bettung ethnischen Unternehmertums in die Sozialpolitik legen. Diese Politik wird unter anderem durch die Adressierung ethnischen Unternehmertums in Pro­gram­men wie „Soziale Stadt“ unterstützt, das Ülker als eine Politik des akti­vie­renden Staates kritisiert. Damit greift Ülker im Kern seines Buches zwei aktuelle Debatten auf – zum einen hinterfragt er die politische Einordnung der mi­gran­tischen Ökonomie in die Sozialpolitik statt etwa in die Wirtschaftspolitik. Diese Debatte hat in der Forschung zu migrantischen Ökonomien eine große Aktualität und Relevanz. Sie kon­zentriert sich auf die politische Frage, ob migrantische Unternehmen eine Sonderförderung erhalten sollten oder ob die zielgruppenübergreifende Wirt­schaftsförderung von Institutionen wie IHK und IBB sie als kleine und mittelständische Unternehmen ausreichend unterstützen können (vgl. Husseini de Araújo/Weber 2014).

Zum anderen thematisiert Ülker ethnisches Unternehmertum als will­kom­menes Ergebnis neoliberaler Politiken des aktivierenden Staates. Diese Politiken unterscheidet er in neoliberale Stadtpolitiken und libe­rale Wirtschaftspolitiken. Als neoliberale Stadtpolitik adressiert die ‚Will­kom­mens­kultur‘ vor allem hochqualifizierte und hochmobile globale Eliten. Als liberale Wirtschaftspolitik zielt ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ darauf ab, Personen mit Migrationshintergrund unternehmerisch zu aktivieren, da sie somit in Rela­tion zu ihren Qualifikationen den höchstmöglichen volkswirtschaftlichen Nutzen erbringen – bei möglichst niedriger Belastung der Sozialsysteme. Seine These unterlegt Ülker, indem er Programme und Initiativen der Un­ter­stüt­zung migrantischer Ökonomien in Politiken neoliberaler Stadt­ent­wick­lung und europäischer Sozialpolitik einordnet. Er kommt zu dem Ergeb­nis, dass die meisten Mittel für diese Initiativen nicht etwa aus Wirt­schafts­förderprogrammen, sondern aus Sozialstrukturprogrammen stammen.

Durch diese Bearbeitung der beiden skizzierten Debatten kommt Ülker zum Kern­punkt einer Ambivalenz, die die ethnische Ökonomienforschung norma­tiv durchsetzt. Geht die Forschung über eine reine Grundlagenforschung hinaus und adressiert die politische Praxis, stellt sich die Frage: Ist eine Son­der­förderung und die damit einhergehende positive Diskriminierung zu vermeiden, da sie in die ‚ethnic trap‘, die Falle des kultur-essentialistischen ‚othering‘ tappt und damit Differenz (re-)konstruiert? Oder ist sie auf der Grundlage des Toleranzdiskurses als Ausgleich struktureller Dis­kri­mi­nie­rung­en und Benachteiligungen politisch zu legitimieren?

Dieser Frage geht Ülker auf der Basis einer umfassenden Literaturanalyse nach. Als dominierende Erklärungslinien für ethnisches Unternehmertum stellt er zum einen die sogenannte „Berliner Schule“ der migrantischen Öko­no­mien­forschung heraus, die von strukturalistischen Ansätzen domi­niert wird und migrantische Unternehmer_innen als Verlierer_innen des deutschen Arbeitsmarktes und der Gesetzeslage versteht. Als zweite Erklä­rungs­linie benennt er die Kritik an der Essentialisierung von Kultur als Movens für migrantisches Unternehmertum. Ülker schließt sich keiner dieser beiden Erklärungslinien an, sondern fordert das ihnen zugrundeliegende Ver­stän­dnis von Kultur, Nation und Ethnizität heraus. Er sucht weder nach einer his­torischen Erklärung noch nach institutionellen Mechanismen, sondern nach Brüchen und Unstimmigkeiten in der strukturalistischen Erklärungslinie. Er gesteht der essentialismuskritischen Perspektive zu, dass es nicht bestimmte Eigenschaften von Migrant_innen sind, die ihr Unternehmertum begüns­tigen, entgegnet ihr jedoch, dass es die Vielseitigkeit dieser Form des Unter­nehmer­tums ist – seine Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Kapazität und sein strategisches Potential, unterschiedliche Ressourcen zu mobilisieren. Dabei fordert er die Binarität der essentialismuskritischen Perspektive heraus, die sich durch die Überwindung kultureller Zuschreibungen bei gleichzeitiger Akzeptanz der Koexistenz unterschiedlicher Kulturen ergibt und damit im methodologischen Nationalismus verhaftet bleibt (Wimmer/Glick Schiller 2003).

Für Berlin bietet migrantisches Unternehmertum einen Pfeiler der Selbstvermarktung im Sinne Richard Floridas, was sich in dem Leit­spruch „Sei Gast, sei willkommen, sei Berlin“ manifestiert. In dieser Will­kom­mens­kultur, der sich aktuell zahlreiche Metropolen in einem vermeintlichen Kon­kur­renz­kampf um Kapital und Einwohner anschließen, lässt sich ethnisches Unternehmertum als multikulturelles Flair inszenieren. Es bildet eine neue Konsumlandschaft für kosmopolitische Stadtbewohner_innen und trägt zur Aufwertung bisher als benachteiligt bezeichneter Nachbarschaften bei. Neu ist dabei die Rolle der Stadtregierungen, die im Sinne eines „rescaling“ (Glick Schiller/Çağlar 2009) unterschiedliche Aufgaben des Nationalstaats über­neh­men. In dieser neuen Position übergeben Stadtregierungen Verantwortung an migrantische Unternehmer_innen, die innerhalb ihrer ethnischen Netz­wer­ke Hilfe zur Selbsthilfe leisten sollen, womit sich Stadtregierungen eines neoliberalen Leitprinzips bedienen. Neben dieser physisch-materiellen und symbolischen Inwertsetzung durch Städte ist in Ülkers Analyse insbesondere die Eigeninitiative migrantischer Unternehmer_innen von Relevanz. Der Widerspruch in dem Leitsatz „Sei Gast, sei willkommen, sei Berlin“ liegt in seiner Begrenzung des Willkommenseins auf den temporären Besucher als Gegenbild zum Migranten. Dies ist nicht nur eine zynische Parallele zu Gastarbeiter_innen, die auch nur ‚auf Zeit‘ willkommen waren. Die Bedingt­heit der Toleranz drückt sich auch in einer Unterscheidung von Migrant_innen anhand ihres kulturellen und ökonomischen Potentials in ‚erwünschte‘ und ‚unerwünschte‘ Migrant_innen aus.

Das Buch nähert sich dem Phänomen des ethnischen Unternehmertums sowohl aus der Makro- als auch aus der Mikroperspektive. Aus Gesprächen mit 89 ethnischen Unternehmer_innen wählt Ülker fünf Personen aus und portraitiert sie und ihre Erzählungen als Fallstudien. Die ethnographische Studie analysiert unternehmerische Praktiken von Migrant_innen in drei­er­lei Hinsicht: der Selbstpräsentation der Unternehmer_innen, der Rahmenbedingungen für ihr Handeln und der von ihnen gestellten Wahr­heits­ansprüche. Als Ergebnis der Analyse stellt er eine häufige Bezugnahme auf die Grundprinzipien der Eigenverantwortung (‚Fördern und Fordern‘) und der Hilfe zur Selbsthilfe heraus. Auch das in Netzwerken gebundene Vertrauen und die Loyalität innerhalb der migrantischen Unternehmerschaft im Quartier, die zu einer reziproken Unterstützung jenseits staatlicher Un­ter­stützung führen, sind ein zentrales Ergebnis der Arbeit.

In seine Analyse bezieht Ülker historische Hintergründe ein, die es ihm erlauben, das Zusammenspiel von Praktiken und rationalen Ordnungen in der Her­aus­bildung ethnischen Unternehmertums einzuordnen. Die Entwicklung des ethnischen Unternehmertums in der deutschen Wirtschaftsgeschichte schil­dert Ülker in diachroner Perspektive anhand von Brüchen und Wider­sprüchen. Das Buch liefert eine detailliert recherchierte politische Öko­no­mie der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei zeigt es auf, dass die seit Mitte der 1950er Jahre angeworbenen Gast­arbei­ter_innen als niedrig qualifizierte Arbeitskräfte im fordistischen Wirt­schafts­system gebraucht wurden, da sie durch ihre Lohnabgaben einen wichtigen Beitrag zum Sozialversicherungssystem leisteten. Als Steuer­zahler_innen und Konsument_innen der Massenproduktionsgüter un­ter­stütz­ten sie zugleich das keynesianische Wirtschaftssystem. Dabei pro­ble­matisiert er, dass Staatsausgaben in den 1970er und 1980er Jahren weitestgehend in technologische Innovationen und in allgemeine öko­no­mische Restrukturierungen flossen, was zu Problemen bei der Finanzierung des Wohlfahrtstaates führte – insbesondere der Sozialpolitik. Die mit der Ölkrise 1973 verbundene Krise des Fordismus deutet Ülker als Wegbereiter für den Aufstieg kleiner und mittelständischer Betriebe. In diese neue Kon­kur­renz­situation bettet er das Entstehen von migrantischen Betrieben ein, die als Subunternehmer, Zulieferer und Joint Ventures flexibel auf die neuen Vor­stellungen und Anforderungen des post-fordistischen Wirt­schafts­systems reagieren konnten.

Im Kapitel „Re-Imagining Migrants“ nimmt Ülker dann gezielt tür­kische Unternehmer_innen in den Blick und fragt, warum diese nicht zur problematisierten Gruppe türkischer Migrant_innen gezählt werden, denen aufgrund hoher Arbeitslosenzahlen und Bezugszahlen von sozialen Trans­fer­leistungen Integrationsdefizite zugeschrieben werden. Dieser Frage geht er anhand der Berliner Wirtschaftsentwicklung und Migrationsgeschichte seit 1950 nach. So begründet er den Bedarf an Gastarbeiter_innen als Steu­er­zahler_innen und Arbeitskräften mit der in den 1970er und 1980ern betrie­ben­en Subventionierung von (unwirtschaftlichen) Arbeitsplätzen und steuerlichen Erleichterungen in Westberlin durch Westdeutschland. Anhand einer Vielzahl von Primär- und Sekundärquellen und statistischer Daten zeigt Ülker, wie angesichts des ‚fehlenden Hinterlands‘ und der damit einhergehenden Schwie­rig­keit, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, tür­kische Gastarbeiter_innen die Lücke auf dem Westberliner Arbeitsmarkt füllen konnten.

Wie es Berlin schließlich gelingt, nach dem historischen Bruch des Mauer­falls ein neues Image aufzubauen, stellt Ülker anhand des Insti­tu­tionen­gefüges der involvierten Akteure dar. In seiner Kontextualisierung der Berliner Wirtschaftsgeschichte belegt Ülker einen, größtenteils durch die Wie­der­vereinigung bedingten, gelenkten Strukturwandel in Berlin. Im Zuge dessen wurde zwischen 1991 und 1999 mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in der Produktion abgebaut. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung einer migrantischen Ökonomie, die in Berlin von einer Vielzahl von Akteuren, Institutionen und der lokalen Geschichte beeinflusst war. Dabei übten Banken durch die Finanzierung von Unternehmensgründungen und der benötigten Infrastruktur einen entscheidenden Einfluss aus.

Die zentralen Erklärungsansätze zu ethnischem Unternehmertum führt der Autor auf die Arbeiten der Soziologen Simmel, Sombart und Weber zurück, die Unternehmer als innovativ, und risikofreudig, aber auch als Fremde und Außenseiter in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beschreiben. Erst durch Rationalisierung, Kalkulation und Nützlichkeit traten Unternehmer ins Zentrum der Gesellschaft. Damit wird der ethnische Unternehmer als Anderer konstruiert, der als Unternehmer frei im Wettbewerb agieren kann, aber eingebettet ist in Gesetze, Institutionen und soziale Netzwerke.

Einen weiteren Bruch in der politischen Steuerung des ethnischen Unter­nehmer­tums sieht Ülker in den 2005 eingeführten Hartz-IV-Reformen. Deren Ziele waren es, durch Ich-AG und Steuererleichterungen niedrig quali­fizierte Personen als Selbständige in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im Zuge dieser Reformen und der Agenda-2010-Politiken kamen neoliberale Arbeitsmarktpolitiken sehr deutlich zum Einsatz – so etwa im Nationalen Aktions­plan zur Arbeitsmarktpolitik, in dem Individuen verstärkt dazu an­ge­hal­ten werden, Verantwortung zu übernehmen. So wird an die ethnischen Unter­nehmer_innen appelliert, als selbsternannte Schlüsselpersonen inner­halb ihres ethnischen Netzwerkes zu fungieren und über ihre Ver­trau­ens­be­ziehungen ethnische Gemeinschaften zusammenzubringen.

Als sinnbildlich für eine städtische Strategie, durch die eine kompetitive, unternehmerische Stadtgesellschaft angerufen wird, deutet Ülker den Slogan der Investitionsbank Berlin (IBB), „Unternehmen Sie etwas“. Als Teil der eigenverantwortlichen Stadtgesellschaft werden ethnische Unternehmer einerseits als ambitionierte rationale Individuen gesehen und andererseits als Bindeglieder zu der ethnischen Gruppe, der sie zugeschrieben werden und für die sie wiederum auch Verantwortung übernehmen sollen. Die politische Erwünschtheit ethnischen Unternehmertums pointiert Ülker wie folgt:

„Ethnic entrepreneurship is about creating jobs, offering training, paying taxes, producing goods and services, making an economic profit and investing more. It is about people becoming more responsible to themselves, their families, and migrant groups […].” (S. 100)

Ausgehend von dieser These untersucht der Autor drei Initiativen in Berlin, die Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Eine davon ist die durch den Europäischen Sozialfonds finanzierte Initiative Selbständiger Immigrant_innen e.V. (ISI), die Gründer_innen in individuellen Beratungen und Seminaren nicht nur ‚hartes‘ unternehmerisches Knowhow vermittelt, sondern auch ‚weiche‘ Skills wie interkulturelle, soziale Kompetenzen und Vernetzungsfähigkeit in den Blick nimmt. Das Prinzip ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ wird anhand eines Portraits der Unternehmerin und ISI-Gründerin Nevin Dicle analysiert, die unternehmerische Eigenschaften wie Verantwortung, Effizienz und Enthu­sias­mus inkorporiert hat. Durch Nevin Dicles Minimierung sozialer Kosten bei gleichzeitiger Maximierung ökonomischen Profits übernimmt sie eine Vorbildfunktion und verkörpert die Politik des ‚Förderns und Forderns‘ der Kohl- und Schröder-Ära.

Auch der türkischen Pflegeökonomie, die Ülker anhand eines Fa­mi­lien­un­ter­nehmens portraitiert, wird seitens des Staates eine Eigenverantwortung über­­lassen. So zitiert die interviewte Leiterin des Pflegebetriebes die ihr ent­ge­gen­gebrachte Ansicht: „The big Turkish family will take care of its members.“ (S. 164) Es ist einer der vielen Hinweise auf einen aktivierenden Staat, der seine Bevölkerung in die Pflicht nimmt, während er gleichzeitig eine zu starke Regulierung und Intervention meidet. Diese Form des Regierens deutet Ülker nach Foucaults Gouvernementalität als Säule des zurückhaltenden Staates, der eine neue Verteilung von Verantwortung zwischen Staat und Gesellschaft vorsieht.

Ebenfalls als Bindeglieder zwischen Staat und Gesellschaft fasst Ülker ethnische Netzwerke auf, die er anhand von drei türkischen Unter­neh­mer­ver­bän­den in Berlin untersucht. Die in diesen Netzwerken gebundene ethnische Solidarität kann darüber hinaus mit theoretischen Konzepten der ethnischen Ökonomie erklärt werden, nach denen sie als Plattformen des materiellen und ideellen Austauschs zwischen türkischen Unternehmer_innen dienen.

Es ist einer der großen Mehrwerte des Buches, dass Ülker seine Thesen kon­se­quent mit einer umfangreichen Empirie verbindet und in den theo­re­tischen Kapiteln erläuterte Konzepte fortlaufend und systematisch auf­greift. So gelingt es ihm aufzuzeigen, dass die Ausgestaltung einer ethnisch­en Ökonomie weder top-down durch die Pläne, Programme und Poli­ti­ken von Expert_innen, Politiker_innen, Institutionen und Wis­sen­schaft­ler_innen definiert wird, noch ausschließlich durch die agency der ethnischen Unter­nehmer_innen selbst. Er zeigt, dass es vielmehr das bewusste und un­bewusste Zusammenwirken beider Seiten ist, das ethnisches Unter­nehmer­tum in seiner jeweiligen Erscheinungsform beeinflusst. Mit dieser Einbettung zwischen structure und agency positioniert der Autor sein Buch in einer der Kerndebatten sozialwissenschaftlicher Forschung, die aktuell auch die stadtbezogene Migrationsforschung zum Beispiel durch die Ansätze des rescaling beziehungsweise der lokalen Migrationsregime prägt (Glick Schiller/Çağlar 2009, Pott/Tsianos 2014). Nicht nur in Berlin, sondern auch auf nationaler und europäischer Ebene, so resümiert Ülker, werden ethnische Unternehmer_innen zu tolerierten Anderen, die auf sich selbst und auf „ihre“ ethnische Gemeinschaft Acht geben.

Autor_innen

Antonie Schmiz arbeitet als Geographin zu Migrations- und Stadtforschung, insb. gesell­schaft­liche Transformation durch Migration und städtischer Umgang mit Migration.

antonie.schmiz@uni-osnabrueck.de

Literatur

Glick Schiller, Nina/ Çağlar, Ayse (2009): Towards a comparative theory of locality in migration studies. Migrant incorporation and city scale. In: Journal of Ethnic and Migration Studies 35/2, 177–202.

Husseini de Araújo, Shadia/ Weber, Florian (2014): “Migrantenökonomien” zwischen Wirtschaftsförderung und Diskriminierung - eine empirische Fallstudie am Beispiel der Stadt Nürnberg. In: Paul Gans (Hg), Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration. Forschungsberichte der ARL. Hannover: ARL, 365–380.

Pott, Andreas/ Tsianos, Vassilis (2014): Verhandlungszonen des Lokalen. Potentiale der Regimeperspektive für die Erforschung der städtischen Migrationsgesellschaft. In: Jürgen Oßenbrügge/ Anne Vogelpohl (Hg.), Theorien in der Raum- und Stadtforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 116–135.

Ülker, Barış (2016): Enterprising Migrants in Berlin. Bielefeld: transcript.

Wimmer, Andreas, Glick Schiller, Nina (2003): Methodological nationalism, the social sciences, and the study of migration. An Essay in Historical Epistemology. In: International Migration Review 37/3, 576–610.





ISSN: 2197-2567

s u b \ u r b a n. zeitschrift für kritische stadtforschung