254_Manderscheid_Deb2

Debatte
2017, Band 5, Heft 1/2, 197-204

Debatte zu
‚Mit Bourdieu in die Stadt: Relevanz, Prinzipien, Anwendungen‘

Mit Repliken von
Katharina Manderscheid
Christoph Haferburg
Lars Meier
Boike Rehbein
Loïc Wacquant


Reflexionen zu räumlicher Nähe und sozialer Distanz

Kommentar zu Loïc Wacquants „Mit Bourdieu in die Stadt“

abstract

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Pierre Bourdieus Werk spielt in der deutschsprachigen Soziologie zweifellos eine große Rolle. Einer Befragung von Soziologie-Studierenden zufolge gehört er zu den am meisten gelesenen Vertreter_innen des Faches (vgl. Lenger/Rieder/Schneickert 2014). Auch in der Stadtsoziologie werden seine Konzepte – vor allem ‚Habitus‘ und ‚Kapital‘ (vgl. zum Beispiel Richter 1994, Bockrath 2008, Dirksmeier 2015) – regelmäßig verwendet. In der Diskussion um Raum als soziologische Kategorie, die vor fast zwanzig Jahren einen ersten Höhepunkt hatte (vgl. Läpple 1991, Löw 2001, Dünne/Günzel 2006), beschränken sich die Referenzen jedoch überwiegend auf seinen Text „Ortseffekte“ (2005), der sich auf die Materialisierung des sozialen Raums im physisch-städtischen Raum konzentriert. Dabei wird ihm verschiedentlich vorgehalten, bezüglich des physischen Raums ein absolutistisches Verständnis zu vertreten (vgl. Löw 2001: 179ff., Manderscheid 2008), da er diesen als gegebenen ansähe. In ihm bringe sich „der Sozialraum […] zur Geltung, jedoch immer auf mehr oder weniger verwischte Art und Weise“ (2005: 118). Dadurch, dass er das Soziale dem Räumlichen einseitig strukturierend entgegen stelle, vergäbe er sich weiterhin die Möglichkeit, Wechselwirkungen zwischen der Konstitution des sozialen und des physischen Raumes zu untersuchen (vgl. Löw 2001: 183).

Dass diese Rezeption des Bourdieu’schen Raumbegriffs jedoch einseitig verkürzt ist, darauf macht nicht zuletzt Loïc Wacquants Text aufmerksam. Denn auch wenn Stadt, Raum und Ort bei Bourdieu außer in den „Ortseffekten“ nur an wenigen Stellen explizit im Vordergrund der Analysen stehen, tauchen sie doch immer wieder als Schauplätze, umkämpfte soziale Strukturen und Deutungsmuster auf. Dies zeigen die von Wacquant vorgestellten Studien zweier Gesellschaftsformationen im Umbruch: der Krise der ländlichen Gesellschaft im Béarn (vgl. Bourdieu 1962) und der Konfrontation zwischen traditioneller kabylischer Gesellschaft und französischer Kolonialmacht in Algerien (vgl. Bourdieu/Sayad 1964). Darüber hinaus finden sich in dem, was Wacquant als ‚transversal principles‘ herausstellt, vielfältige Ansatzpunkte und Gedankengänge, die gerade für die aktuelle deutschsprachige Diskussion in der Stadtsoziologie um ihren Gegenstand – insbesondere in der Diskussion der ‚Eigenlogik der Städte‘ (vgl. Berking/Löw 2008, Gestring 2011, Kemper/Vogel­pohl 2013, Siebel, 2013) –, aber auch angesichts der aktuellen nationalis­tisch-populistischen Wende in der Politik vieler europäischer Länder und der USA erhellende Einsichten und Analyseperspektiven zur Konstitution von Raum und Sozialem ermöglichen.

An dieser Stelle möchte ich der Frage nach dem (Stadt-)Raum und seiner Konstitution nachgehen und sie vor dem Hintergrund des Bourdieu’schen Denkens in Wechselverhältnissen und Relationen betrachten: In Die fei­nen Un­ter­schiede (Bourdieu 1996), dem im deutschsprachigen Raum wahr­schein­lich bekanntesten Buch Bourdieus, zeigt sich deutlich eine Analyseform, die Makroebene (gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse), Meso­ebene (Lebensstile) und Mikroebene (Praktiken) zusammenbringt und in ein wechselseitiges Beziehungsgeflecht stellt. Dieses Mehrebenendenken stellt auch Wacquant (2017: 175) in seinem vorliegenden Text heraus:

„Einer der zentralen Vorzüge des Bourdieuschen Theorierahmens ist, dass er sich auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen und problemlos auch über unterschiedliche analytische Maßstäblichkeiten hinweg anwenden lässt. Dies ermöglicht, größere Machtstrukturen (ein Land, einen Staat oder eine Metropole) mit der Mesoebene der Institutionen (Felder der Kulturproduktion, Wissenschaft, Publizistik und Politik) und der im Begriff der Praxis zusammengefassten kleinteiligen Ebene alltäglicher Interaktion und der phänomenologischen Beschaffenheit von Subjektivität zu verknüpfen. “

Damit verknüpft ist das ‚relationale Denken‘ Bourdieus, eine eigentlich genuin soziologische, zumindest jedoch strukturalistische Art und Weise des Denkens: Anstelle von Dichotomien – zwischen Gesellschaft und Indi­vi­duum, Kultur und Natur, Stadt und Land, sozialem und physischen Raum, Mann und Frau –, rückt Bourdieu deren Beziehungen ins Zentrum und bricht damit „mit dem substantialistischen Denken (…), [was] dazu führt, jedes Element durch die Beziehungen zu charakterisieren, die es zu anderen Elementen innerhalb eines Systems unterhält und aus denen sich sein Sinn und seine Funktion ergeben“ (1987: 12). Entsprechend versteht Bourdieu weder materielle noch symbolische Elemente an sich als Ursachen, sondern als

„miteinander verwobene Momente in einer Analyse, die sich immer gleich­zeitig auf diese zwei konstitutiven Bestandteile des sozialen Le­bens bezieht, und die zugleich Ressourcen sind, die sich mobilisieren und in soziale Strategien ummünzen lassen“ (Bourdieu nach Wacquant 2017: 175).

Die von Wacquant vorgestellten, bislang jedoch in der Stadtsoziologie nicht rezipierten Arbeiten Bourdieus aus Algerien und aus dem Béarn illustrieren diese Form des soziologischen Denkens anschaulich. So werden die jeweils beobachteten Praktiken in den Kontext der historischen und sozio-öko­no­mischen Entwicklungen gestellt und räumlich situiert. Die Bedeutung eines physischen Ortes beziehungsweise Raumes erschließt sich Bourdieu aus dem Kontext verschiedener sozialer Prozesse: Die Konflikthaftigkeit der sozialen Situationen für Individuen und Kollektive entstehe in beiden Beispielen gerade aus der physisch-räumlichen Nähe des sozial-räumlich Fernen, was nichts anderes meint als die wechselseitige Sichtbarkeit und unausweichliche Konfrontation. Dieses Spannungsfeld entsteht im Béarn durch – als modern wahrgenommene – städtische Lebensstile, an deren Maßstäben die ländlichen Traditionen scheiteren (vgl. Wacquant 2017: 176), während es in Algerien die Konfrontation der kabylischen Gesellschaft mit der französischen Kolonialmacht ist (vgl. ebd.: 177). Mit anderen Wor­ten: Es geht in beiden Beispielen um die konkrete Erfahrung von sozialen Differenzen, die eine gesellschaftliche Hierarchie implizieren und ent­sprech­end zu Ein- und Ausschlüssen führen. Diese sozialen Differenzen wer­den in beiden Untersuchungsbeispielen in kulturräumliche Differenzen über­setzt: im ländlichen Ort, wobei Bourdieu den Samstags-Tanz als Brenn­glas der Situation beschreibt, und im Lager beziehungsweise Camp als Zwischenstation der algerischen Berber_innen zwischen traditionellem und modernem Lebensgefüge. Die Differenz manifestiert sich als Gegensatz zwischen ‚peasant‘ oder ländlich einerseits und städtisch-rational (vgl. ebd.: 176f.) andererseits. Die wechselseitige Wahrnehmung verdeutlicht die Nicht-Kompatibilitäten von Praktiken und führt infolge zu Anpassungen, Ab­­wer­­tungen und Ausschlüssen sozialer Gruppen. Zudem setzen sich Diffe­ren­­zie­­rungs- und Ausgrenzungsprozesse auch innerhalb der jeweiligen Grup­pe fort, wie Bourdieu durch einen Verweis auf die räumliche und soziale Ein­schrän­kung und Verschleierung von Frauen im Camp deutlich macht.[1]

Das kritische Potential der relationalen Sichtweise besteht unter anderem in dem Bruch mit alltäglichen Begriffen und Konzepten. Der Kern „des vor Ort zu Erlebenden“ (Bourdieu 2005: 117) wird mithin weder in den Eigenschaften der beteiligten Akteur_innen – einzelner Bauern und Bäuerinnen oder Berber_innen – noch in denen des Ortes – des Tanzortes oder des Camps – selbst gesucht, sondern in den dahinter liegenden gesellschaftlichen Pro­zes­sen. Anstatt also Stadt oder physischen Raum positiv zu fassen, fragt Bourdieu in beiden Fällen danach, wie und warum diese in gesellschaftlichen Pro­zessen hergestellt werden, wie also soziale Differenzen in räumliche Differen­zen[2] transformiert und damit objektiviert und stabilisiert werden (vgl. Kemper/Vogelpohl 2013: 18).

Ich möchte dieses relationale Denken in mehreren Ebenen auf die Diskussion aktueller städtischer Entwicklungen übertragen, die nicht nur in Deutschland durch zunehmende Segregation und Polarisierungen entlang sozio-ökonomischer und kultureller Differenzierungslinien gekennzeichnet sind. Diese haben vor allem in den prosperierenden Städten nochmals an Dynamik zugelegt (vgl. Holm 2015). Das Soziale im städtischen Raum ver­ortet sich jedoch nicht nur im Wohnen selbst und damit im quantitativ und qualitativ ungleichen Wohnraum, der unmittelbaren physischen Nach­bar­schaft mit – er­wünschten und unerwünschten– Gütern und Dienst­leis­tungen sowie in Umweltbelastungen oder Lärmemissionen im Quartier. Die klassisch poli­tische Frage, wem die Stadt gehöre, bezieht sich auf Vieles mehr: auf die Gestaltung, Aneignungschance und Besetzung verschiedener Orte im Stadt­gefüge durch verschiedene soziale Gruppen und Akteur_innen, womit sowohl Rückzugsorte als auch öffentliche Plätze für Selbstdarstellungen und Fremdwahrnehmungen gemeint sein können.[3] Entsprechend stellt Doreen Massey – in durchaus politischer Absicht – den Beschreibungen von Raum und Ort als objektive Gegebenheiten oder gleichmässigen Fläche die Konzeption als ‚throwntogetherness‘ als ‚coming together of trajectories‘ gegenüber. Damit trägt sie den Vielschichtigkeiten und der Perspektivität von Räumen und Orten Rechnung und verweist gleichzeitig auf die daraus her­vor­gehen­de und prinzipiell notwendigen sozialen Aushandlungsprozesse (vgl. 2005: 141).[4]

In vielen aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen lassen sich hingegen Versuche ausmachen, diese ‚trajectories‘ von Orten und Räumen – zugunsten von entdifferenzierenden, objektivierenden und (re)terri­toriali­sie­renden Raumkonstitutionen – auszublenden. Dies findet zum einen ganz mani­fest und seit mehreren Jahrzehnten im physischen Stadtraum statt, wo offenbar ein Bedürfnis nach Distanz zu „unerwünschten Personen und Sachen“ (Bourdieu 2005: 121) zunimmt, was vor allem heisst, diese im eigenen Alltag unsicht­bar zu machen. Beispiele hierfür sind Platzverweise randständiger Personen von innerstädtischen öffentlichen Orten oder die Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften an der urbanen Perpherie. Die marktvermittelten und damit kapitalbasierten Zugänge zu Wohnstandorten in privilegierten Lagen sind dabei nur eine Strategie, der räumlichen Nähe und damit der Sichtbarkeit der Anderen auszuweichen. Neben dieser physischen und sozialen Distanznahme (Bourdieu 2005: 118f.) spielt die Zugänglichkeit von Orten und damit deren städtische Relationalität, also die Beziehung zwischen Wohnort und anderen städtischen Orten, eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang sind insbesondere Verkehrs- und Mobilitätsstrukturen zentral: Fehlende öffentliche Verkehrsanbindungen begrenzen Zugänge auf diejenigen, die entweder in räumlicher Nähe sind oder über private auto­mobile Ressourcen verfügen. Auf die grundsätzliche Bewegung des Sozia­len verweisen beispielsweise John Urry und andere Vertreter_innen des ‚mobilities paradigm‘ (vgl. Sheller/Urry 2006, Urry 2007, Elliot/Urry 2010,). Die Fähigkeit, mobil zu sein, sich also im Stadtraum zu be­wegen können, erweist sich dabei als höchst voraussetzungsvoll und basiert auf Verkehrswegen und -mitteln, verschiedenen persönlichen Kompetenzen und Ressourcen (vgl. Urry 2007: 196ff.). Die physische Komponente der relationalen Einbettung von Orten, das heißt das schiere Vorhandensein von Verkehrsmitteln und -wegen, ist ebenfalls grundsätzlicher Gegenstand sozialpolitischer Aushandlungen und hat sich – so zeigt beispielsweise die materialreiche Studie von Stephen Graham und Simon Marvin (2001) – in den letzten Jahrzehnten tendenziell zuungunsten von schwächeren sozialen Gruppen verschoben. Das infrastructural ideal der verkehrstechnischen und infrastrukturellen Erschließung und Anbindung peripherer Räume kann als Ausdruck eines sozial-räumlichen Ausgleichsideals der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interpretiert werden. In Deutschland findet sich dieses Ideal im raumplanerischen Leitbild der „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ (Barlösius 2006, Gatzweiler/Strubelt 2006), das weitgehend der Logik des Ideals der Chancengleichheit in der Bildungspolitik folgt. In der Zwischenzeit haben jedoch neoliberale Privatisierungen und Sparpolitiken sowie die Kon­zen­tra­tion auf prosperierende Orte das relationale Stadtgefüge in physisch-infrastruktureller Hinsicht weiter polarisiert (vgl. u. a. Siebel 2013: 247). Gerade im Zusammenspiel mit steigenden Mietpreisen in zentralen, gut an­ge­bun­denen Lagen verschärfen diese Politiken die gesellschaftliche Un­gleich­heitsrelevanz von Raum und Mobilität (vgl. Manderscheid 2009; 2016, Lucas 2011, Rokem/Vaughan 2017).

Darüber hinaus – und dies ist ein weiteres Element dessen, was Urry „network capital“ (2007: 194ff.) nennt – setzt Mobilität als Möglichkeit vor­aus, dass es überhaupt Orte gibt, die man aufsuchen kann und will. Diese Orte außerhalb der Wohnung beziehungsweise des unmittelbaren Umfeldes kön­nen als Elemente differenter und ungleicher Raumkonstitutionen an­ge­sehen werden, die sich in der Stadt typischerweise überlagern und überschneiden. Wie beispielsweise eine immer noch aktuelle Arbeit von Detlef Baum (1998) zu den Effekten residentieller Segregation auf die Sozialisation von sozio-öko­no­misch benachteiligten Jugendlichen zeigt, geht es nicht nur um physische, sondern auch um symbolische Zugänglichkeiten. Baum zeigt, dass die beobachteten Jugendlichen zentrale städtische Orte häufig sozio­kul­turell bezie­hungsweise symbolisch als ‚unzugänglich‘ erlebten. Diese Un­zu­gäng­lich­keiten lassen sich aber auch für andere gesellschaftliche Gruppen beobachten, wie beispielsweise eine Untersuchung zweier sozialstrukturell verschiedenen Quartiere in Süddeutschland zeigt (vgl. Manderscheid 2006). Orte im Raum werden also nicht nur physisch von Bewohner_innen und deren Wohnungen besetzt, vielmehr können sie über verfügbares Kapital auch symbolisch besetzt werden und Anderen ein „Gefühl des Fremd- und Ausgeschlossenseins“ (Bourdieu 2005:122) vermitteln, und zwar über das Zusammenspiel von räum­lichen Strukturen und Habitus. Diese symbolische Ausgrenzung wird gerade an zentralen städtischen Orten durch die seit den 1990er-Jahren in der Stadtsoziologie viel diskutierten innerstädtischen sicherheits- und ord­nungs­po­li­tischen Maßnahmen oder die Überwachung öffent­licher Räume noch weiter unter­stützt, die unter anderem mit Platz­ver­weisen von randständigen Personen das urbane Erleben störungsfrei machen wollen (vgl. Ronneberger/Lanz/Jahn 1999, Ronneberger 2000, Wehrheim 2002).

Die Beispiele zeigen, dass die Betonung der mehrschichtigen Relatio­na­li­tät von Orten im physischen und im sozialen Raum den Blick auf sich ver­stärkende und ausgleichende Zusammenspiele schärft. Während das Wechselverhältnis zwischen sozialen und physischen Strukturen für die eher kapitalschwachen Akteur_innen zu Ausschlüssen führen kann, kann beispielsweise eine Wohnung in einem ‚Problemstadtteil‘ für einen Studenten oder eine Doktorandin primär die Chance auf günstiges Wohnen bedeuten. Mög­lichen Zumutungen des Quartiers können sich diese entziehen, da zen­trale städtische Orte ihnen sozial und räumlich zugänglich bleiben. Während im ersten Fall Raum und Ort eher in Form von Territorien erfahrbar sein dürften, handelt es sich im zweiten Fall um netzwerkartige Raumtopologien. Sinn, Funktion und Entwicklungsdynamik der Polarisierung des städtischen Woh­nungs­marktes ergeben sich dabei nicht aus sich selbst. Ihre sozial struk­tu­rie­rende Relevanz kann, so habe ich zu zeigen versucht, erst im Zu­sam­menspiel mit Wohnungs- und Verkehrspolitik, städtischer Sozial- und Kulturpolitik sowie individuellen Ressourcen einerseits und vor dem Hintergrund übergeordneter wirtschaftspolitischer Entwicklungen anderer­seits erschlossen werden.[5] Diese mehrschichtigen dynamischen Wechsel­verhältnisse werden jedoch gerade dann verdeckt, wenn Städte auf territoriale Entitäten, in denen Individuen mittels ihrer Wohnung verortet sind, reduziert werden. Das Gleiche gilt für die These, Städte als Entitäten strukturierten den Habitus ‚ihrer‘ Bewohner_innen – eine These, die von sozial differenten relationalen Raumkonstitutionen abstrahiert.

Ein weiteres Feld, für das eine solche Perspektive fruchtbar wäre, sehe ich im aktuellen Trend der Re-Nationalisierung und Re-Territorialisierung von Politik, die sich in der Beschwörung nationaler Gemeinwesen, der Wie­der­errichtung beziehungsweise Befestigung territorialer Grenzen sowie der Weigerung, Migrant_innen als konstitutiven und prinzipiell gleich­be­rech­tigten Teil von städtischen Orten und gesellschaftlichen Räumen zu sehen. Mehrfache, sich überlagernde Zugehörigkeiten und transnationale Identitäten werden zunehmend als Bedrohung verstanden und diskursiv in scheinbar eindeutige Kategorien von ‚Gastland‘ und ‚Heimat‘ aufgelöst. Die Zumutung der räumlichen Nähe des sozial Fernen erscheint dann als vor­übergehende Ausnahme. In diesem Umgang könnte also – so meine weiter zu prüfende Annahme – eine, worin auch immer begründete, Weigerung gesehen werden, diese Menschen als Teil der städtischen throwntogetherness zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren. Stattdessen werden Menschen, Praktiken und Dinge differenziert, hierarchisiert und entlang der Dichotomie zwischen Eigenem und Fremdem sortiert. Das Bourdieu’sche Denken in Relationen verweigert sich jedoch dieser substantialistischen Sicht und arbeitet stattdessen die wechselseitige Konstitutionen und Bezugnahmen sowie die darin enthaltenen dynamischen Machtverhältnisse heraus.

Endnoten

  1. [1] In den – hier nur angedeuteten – Effekten können auch Ansatzpunkte für das Verständnis aktueller Dynamiken des Geschlechterverhältnisses innerhalb muslimischer Migrant_innen-Communities gefunden werden.
  2. [2] Doreen Massey verweist zusätzlich auf die Übersetzung sozialer in zeitliche Differenzen, wenn beispielsweise zwischen ‚modern‘ und ‚rückständig‘ unterschieden wird (vgl. Massey 2005).
  3. [3] Davon unbesehen beschränkten sich die Lebenswelten und Praktiken der Akteur_innen natürlich nicht notwendigerweise auf das Stadtterritorium.
  4. [4] In einer ähnlich relationalen Sicht beschreiben Kemper und Vogelpohl Orte als „dyna­mische, umkämpfte und veränderbare Prozesse“ (2013: 22).
  5. [5] Extreme Formen von Mobilitätsungleichheiten haben Kolleg_innen beispielsweise für sozial und räumlich stark polarisierte Städte Südamerikas herausgearbeitet, in denen die arme Bevölkerung häufig nur zum Preis langer aufwändiger räumlicher Mobilität mit kollektiven Verkehrsmitteln die Teilhabe am Arbeitsmarkt aufrecht erhalten kann (vgl. Jiron, 2007, Ureta, 2008). Die Benachteiligung hat ihre Ursache also nicht (einzig) im Wohnort und der geografischen Distanz, sondern auch in den übergeordneten Strukturen von Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Verkehrspolitik.

Autor_innen

Katharina Manderscheid ist Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten sozial­wis­sen­schaft­liche Mobilitätsforschung, Stadtsoziologie, soziale Ungleichheit sowie Methoden der empirischen Sozialforschung.

katharina.manderscheid@unilu.ch

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ISSN: 2197-2567

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