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Debatte
2017, Band 5, Heft 1/2, 125-130

Debatte zu
Lucius Burckhardt ‚Wer plant die Planung?‘
Wolf Reuter
Beate Binder
Jens S. Dangschat
Monika Grubbauer
Michael Guggenheim
Stadt von Unten
Iris Dzudzek

„Die Entscheidung ist ausgelöst in
der Zeit“

Kommentar zu Lucius Burckhardts „Wer plant die Planung?“

Beate Binder

abstract

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Die Frage „Wer plant die Planung?“, die Lucius Burckhardt 1974 seinen Überlegungen zu den Missverhältnissen in der hiesigen Stadtplanungskultur vor­anstellt, ist heute genauso aktuell wie damals. In den letzten Jah­ren sind Planungsprozesse verstärkt auch in den Fokus der Stadtanthropologie gerückt, wobei der über 40 Jahre alte Text einige Anschlussstellen bietet. Doch neben einem freudigen Staunen über die Aktualität des Beitrags zur da­maligen Debatte stellen sich bei der Lektüre auch ambivalente Ge­fühle ein: Etwas wehmütig denke ich, wie einfach die Welt damals noch zu ord­nen schien, und die anklingende Aufbruchsstimmung in der Zeit ‚nach ´68‘ ruft nos­tal­gische Gefühle hervor; Ärger mischt sich dazu über manche Aus­lass­ung und die Arroganz des schnellen Urteils, und vor allem fühle ich mich irri­tiert an­ge­sichts des Mäanderns zwischen aus meiner Perspektive nur schwer zu ver­ein­barenden Theoriefragmenten. Doch eins nach dem anderen.

Meine Zustimmung findet vor allem der Auftakt: „Die Stadt ist voller Übelstände, und nicht jeder ist Gegenstand unserer planerischen Fürsorge“ (S. 105), schreibt Lucius Burckhardt bereits auf der ersten Seite. Ja, möchte ich rufen, genau: Was wo und wie als Problem wahrgenommen wird, ist weder selbstverständlich noch naturgegeben, folgt keiner abstrakten Logik oder ist entsprechend allgemeingültiger Grundsätze ‚rational‘. Vielmehr werden Probleme gemacht, entstehen matters of concern in konkreten, sozial strukt­urier­ten Situationen, oder in der zwar nicht identischen, aber durch­aus an­schluss­fähig lesbaren Wortwahl von Lucius Burckhardt: Pla­nung „ist nicht auto­nom, sondern einem sozialen System zugehörig“ (S. 113). An anderer Stelle spricht der Autor der „Benennung des Übelstands“ und der „sprachlichen Fixie­rung“ von Problemen eine „determinierende Kraft“ zu (S. 109) – es sind die Beschreibungen, welche die Gestalt und Wahrnehmung eines Pro­blems maßgeblich bestimmen, würde ich formulieren (Binder 2006). Die Metaphern mit ihren eingelagerten normativen wie utopischen Vorstellun­g­en nehmen Einfluss darauf, wo Planungsanstrengungen hinlaufen sollen. Zudem führten „unscharfe Grenzen“ dazu, so Burckhardt, dass – so wiede­rum meine Formulierung – Problemdefinitionen als boundary objects (Star/Griesemer 1989) fungieren, die unterschiedlichen Akteur_innen Anschluss- und Handlungsmöglichkeiten bieten. Weiter diagnostiziert Lucius Burckhardt, dass Probleme separiert werden. Es gehört also zu den Tech­niken des Definierens handhabbarer Probleme, die Stadt nicht als Ganzes in den Blick zu nehmen, sondern an Einzelbaustellen herumzuwer­keln, mit dem Effekt, dass Probleme nur verlagert werden. So würde ich es jedenfalls formulieren und dabei auf alltägliche Erfahrungen verweisen – bis hin zu der Groteske, dass der Fahrradweg, auf dem ich fahre, im Off endet. Der Begriff der ‚Problematisierung‘, den Foucault geprägt hat, um auf Prozesse der Konstitution von Objekten beziehungsweise Phänomenen als in spezifischer Weise problematische aufmerksam zu machen (vgl. auch Klöppel 2010), kommt mir dabei in den Sinn. Die „Übelstände der Stadt“ (S. 105) sind zwar da, aber werden nur vermittelt als solche wahrgenommen; zudem liefert die Art und Weise ihrer Konstitution auch die Logik für sich ergebende Konsequenzen – also dafür, wie eine Lösung aussehen kann. Lucius Burckhardt spricht in seinem Text einige der zeitspezifischen Problematisierungsweisen an, etwa die bereits genannte Zerlegung des städtischen Ganzen in Einzelprobleme, die auf messbare Erfolge ausgerichtete Bewer­tung von Stadtplanungsmaßnahmen, spezifische Formen der (Nicht-)Betei­li­gung von ‚Betroffenen‘ und nicht zuletzt den Glauben an die technische Mach­barkeit städtischer Planung.

Die Polemik und Schärfe der Kritik verweist zugleich darauf, dass auch Lucius Burckhardt mit seinem Text dazu beitragen will, die Stadt und die etablierten Prozeduren der Planung zu problematisieren. Er interveniert in die damalige Praxis, indem er ‚andere‘ Bewertungen vorschlägt und das wahrnehmende Auge auf spezifische Problemkonstellationen lenkt. Der Text trägt insofern selbst zur Konstitution seines Gegenstandes bei, indem er die aktuellen Missstände in spezifischer Weise formatiert, Interpretationen vorschlägt und Lösungen zumindest andeutet – ohne allerdings die eigene Perspektive in dem Text zu reflektieren.

Doch dann gibt es Passagen, die meinen Widerspruch hervorrufen. Obwohl zu Beginn vom aktiven Herstellen von Problemlagen gesprochen wird, wird dieses Tun im weiteren Verlauf der Argumentation an Personen und spezifische Interessenkonstellationen gebunden. Der mit Foucault sich öffnende Kurs wird, vielleicht nicht so erstaunlich für einen Text der 1970er Jahre aus westdeutscher Werkstatt, in organisationssoziologische und handlungstheoretische Fahrwasser gelenkt. Für meinen Blick einer praxeo­logisch und gendertheoretisch informierten Stadtanthropologin ist der Schlenker kaum nachzuvollziehen, dass Burckhardt das Herstellen von Problemen an das politische Kalkül einzelner Personen bindet, die sich ein Problem „an die Fahne“ (S. 105) heften, oder an Akteurskollektive, die im Rahmen der Planungsbehörde als Organisation Nutzen und Schaden kal­ku­lie­ren. Stadtplanung wird damit der Vorstellung zweckrationalen Handelns unter­geordnet, das jenseits des städtischen Gemeinwohls auf individuelle respek­tive kollektive Vorteile bedacht ist. Mir scheint, dass in diesen Passagen die Denkfigur des rational choice Pate steht und damit die Vorstellung, dass bereits im Vorfeld Nutzen und Schaden, Anerkennung und Abwertung als Fol­gen spezifischer Entscheidungen abgewogen werden können.

Eingebunden wird die organisationssoziologisch gerahmte Analyse in die Vorstellung von der Wirkkraft eines Kräfteparallelogramms. Burck­­hard identifiziert und diskutiert vier Gruppen, die mit unterschiedlichen Interes­sen an der Stadtplanung partizipieren – und, so könnte man im Anschluss an Michel de Certeaus Unterscheidung in Strategien und Tak­tiken argu­men­tieren (de Certeau 1988), auch in unterschiedlichem Maß Einfluss auf stadt­planerische Entscheidungsprozesse nehmen (können): „Die Frage, wer die Planung plant“, so Lucius Burckhardt, „führt uns also heute in das Kräfteparallelogramm zwischen der regierenden Beamtenschaft, der Bauspekulation, der Bürgerschaft und den durch die beschlossenen Maß­nahmen betroffenen Leuten.“ (S. 107) Auch wenn diese Konstellation aus heutiger Perspektive etwas holzschnittartig daherkommt, besticht sie dadurch, dass sie die sozialen Dynamiken des Planungsprozesses in den Fo­kus rückt. Als eine Art trickster führt Lucius Burckhardt an dieser Stelle den Pla­ner selbst als Figur ein, in welche die Vorstellung von der Mög­lich­keit „sach­liche[r] Pla­nung“ (S. 107) jenseits situierter Wissens­bestän­de ein­ge­schrieben ist – mit Sicherheit eine männlich kodierte Figur, die bis heute wirksame Ausschlüsse produziert, wie ich anmerken würde (vgl. Frank 2003). Bereits auf Grund der Einbindung in die Organisationslogik der Planungsbehörde scheitert dieses Ideal an Bedingungen des Machbaren: Die „entscheidungsfindenden Kollektive“ (S. 107) folgen der Logik der Orga­ni­sation und der dort herrschenden Bewertungsmatrix, argumentiert Lucius Burckhardt. Dabei identifiziert er überaus überzeugend zentrale Momente des ‚Problems Stadt­pla­nung‘: Er weist hin auf die Blackbox der Über­setzung von Beschreibungen in Maßnahmen, auf das Angewiesen-Sein auf Kompromisse, um zwischen Bestehen­dem und Gewolltem vermitteln zu können, auf die un­scharfe inhalt­liche wie räumliche Bestimmung von Pro­blem­kon­stellationen und die Pfadabhängigkeit von Planungsprozessen. Gerade die Frage der Über­setzung ist in den letzten Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, nicht zuletzt durch den Einfluss der Science and Technology Studies sowie der Akteur-Netzwerk-Theorie und die damit einhergehende Beachtung nicht-menschlicher Beteiligter in solchen Pro­zes­sen (vgl. Beck et al. 2012). Aus dieser Perspektive kann die Frage der Pla­nung als Übersetzungs­pro­zess verstanden werden, bei dem Leitideen und Zielvorstellungen in kon­kre­te Praktiken verwandelt – eben übersetzt – werden (vgl. z. B. Farias/Bender 2010). So produktiv diese Perspektive ist, geht sie doch gelegentlich auf Kosten der ausreichenden Beachtung von sozialen Dynamiken und Macht­kon­­stel­lationen, die Stadtplanungsprozesse durchziehen.

Dies ist jedoch genau das zentrale Anliegen von Lucius Burckhardt und bestimmt auch eine weitere interessante Wendung, die der Text vollzieht. Denn der Autor beschreibt die Interessenkonstellationen nicht nur zwischen Planungsbehörden, Stadtpolitik und Bauspekulation, sondern auch zwischen dieser Planungs-Trias und Teilen des Mittelstandes. „Diese Klasse ist in relativ kurzer Zeit von einem trägen Konservatismus zu einem wirtschaftlichen Fortschrittsglauben übergegangen“ (S. 110), stellt der Autor fest, und befindet, dass das „bürgerliche Credo“, Wohlstand durch Investition zu erlangen, sich in den Städten durch „hektische Bauerei und Saniererei“ (ebd.) artikuliert. Mir fallen dazu Bilder aus meiner Kindheit und Jugend in Frankfurt am Main ein, angefangen beim Bau der U-Bahn und unterirdischer Fuß­gängerpassagen – Burckhardt schreibt von der „Tieflegung des öffent­lich­en Verkehrs unter die Erde“ (ebd.) – über die Abrisssanierung von Altstadtquartieren bis hin zu Häuserkampf und militanten Demonstrationen gegen Spekulation – während vor der Stadt suburbane Siedlungen wucherten. Mir fallen Henri Lefebvres Diagnosen mit dem Ruf nach einem „Recht auf Stadt“ ein (Lefebvre 2003), die beginnenden Kämpfe um den Erhalt von als historisch klassifizierten innerstädtischen Quartieren und die gleichzeitige Spekulation mit Grundstückpreisen.

Von diesen Spuren der sozialen Kämpfe um Stadt führt uns Lucius Burck­hardt schließlich – und logisch – zu der „Stimme der Verplanten“ (S. 111) und den Ver­suchen der Stadtplanung, die Zustimmung zu ihren Ent­schei­dungen zu erlangen. Stichwortartig werden die Reform des Städte­bau­för­derungsgesetzes und die darin vorgeschriebene Bürger­be­tei­li­gung genannt und vor allem die Rolle der Soziologie bei der Herstellung eines Pla­nungs­kon­senses zwischen Stadt und „Betroffenen“ (S. 111) kritisch befragt. Auch hier stimme ich frohgemut zu, dass Befragungs- und Be­tei­ligungs­ver­fahren hochgradig problematisch sind, dass sich mit diesen Verfahren eine Experten­schaft etabliert (hat), die Interessen von „Betroffenen“ verwaltet, ohne die Standortgebundenheit der eigenen Wahrnehmung von Stadt abstreifen zu wollen oder zu können. Auch diese Verfahren werden bis in die Gegenwart von der Stadtanthropologie kritisch befragt: Welche Wissenspraktiken sind für solche Beteiligungsverfahren erforderlich, welche Kapitalien kommen hier zum Einsatz und wo kippt der emanzipatorische Gehalt dieser Parti­zi­pa­tionsweisen in Bevormundung, wo wird der Demokratie in der Planung Grenzen gesetzt und welche Aus- und Einschlussmechanismen strukturieren sie? Wer kann hier wie seine Rechte nutzen und durchsetzen? Susan Silbey hat darauf hingewiesen, dass es eine empirisch offene Frage ist – und bleiben wird –, inwiefern solches, an rechtliche Rahmungen anschließendes Han­deln demo­kra­tische Partizipation ermöglicht oder eben nicht (Silbey 2005). Lucius Burck­hardt scheint es noch leichter zu fallen, hier ein Urteil zu fällen: Er ist skeptisch, doch identifiziert er zugleich ein wichtiges Problem auch hier in der Frage der Übersetzung: „Die Beplanten leben in einer Realität, ebenso auch die Planungsberechtigten in der ihren. Die subjektive Realität oder die Art, wie der einzelne die Wirklichkeit zu sehen vermeint, ist eine Folge seiner Erziehung in der Gesellschaft, also eine soziale Konstruktion“ (S. 112), stellt er fest. Auch wenn ich aus praxistheoretischer Perspektive darauf beharren würde, die Konstitution von Wahrnehmungsweisen als konstanten und unabgeschlos­senen Prozess, als ein fortwährendes doing zu verstehen, gehe ich gerne mit bei Lucius Burckhardts abschließender Forderung: „Planung ist nicht nur das, was die Techniker planen. Über Stadtplanung nachdenken heißt also nicht (nur), die neuesten Theorien über Wohndichte oder Verkehrsführung zu studieren; vielmehr geht es um die umfassende Betrachtung der Art und Weise, wie Kommunen ihre Umwelt planend verändern“ (S. 114). Dass er zu­gleich der Stadtplanung den Status einer Wissen­schaft entziehen will, führe ich auf sein Wissenschaftsverständnis zurück, das offensichtlich von einer stand­ort­un­abhängigen Objektivität ausgeht (zur Kritik dieser Vorstellung vgl. Hara­way 1988). Aber im Grunde ist die Frage, ob Stadt­pla­nung Wissenschaft ist, auch völlig uninteressant. Wichtiger scheint es mir, (noch) genauer zu ver­stehen, wie Stadt in Stadtplanungs­pro­zes­sen gewusst wird und wie Ideen von Stadt in Planung umgesetzt werden. Beim Weiterarbeiten an dieser Frage kann die Stadtanthropologie an den Text von Lucius Burckhardt anschließen, wenn sie wieder stärker soziale Prozesse in den Mittelpunkt rückt – auch wenn ich vorschlagen würde, diese Frage intersektionaler anzugehen und nach der Verwobenheit unterschiedlicher sozial wirksamer Kategorien zu fragen, und dabei zwar auch, aber eben nicht nur Klasse respektive soziale Lage zu beachten (Binder/Hess 2011).

Autor_innen

Beate Binder forscht in der Europäischen Ethnologie zu den Themen Geschlecht, Stadt­anthropologie, Politik- und Rechtsanthropologie, Politik und Praktiken der Erinnerung sowie im Bereich feministischer Kulturanthropologie.

beate.binder@hu-berlin.de

Literatur

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Binder, Beate (2006): Urbanität als „Moving Metaphor“. Aspekte der Stadtentwicklungsdebatte in den 1960er/1970er Jahren. In: Adelheid von Saldern (Hg.), Stadt und Kommunikation in Umbruchszeiten. Von den 1970er Jahren bis heute. Stuttgart: Steiner, 45-63.

Binder, Beate / Hess, Sabine (2011): Intersektionalität aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie. In: Sabine Hess / Langreiter, Nikola / Timm, Elisabeth (Hg.), Intersektionalität Revisited. Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld: Transcript, 15-52.

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ISSN: 2197-2567

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